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Vom Wesen des Werdens und der Pflicht am Sein
(Notes 2013.01)
Teil I

     Bitte lasst uns an den Anfang gehen und das Ende betrachten.
Der schnöde Satz "Das letzte Hemd hat keine Taschen" sagt letztlich recht viel aus über das, was wesentlich ist, denn auch das erste Hemd hat keine Taschen. Und doch kommen wir in die Welt mit vielen Besitztümern, mit so vielem, was uns bereits eigen ist. Und mit eben diesem und den vielen "Zinsen" dessen, was wir zu Anfang besaßen, verlassen wir diese Welt wieder.
Nicht materielle Güter nehmen wir mit, aber wahre Millionen an geistigen und seelischen Gütern, wenn wir spirituell fleißig waren. Vielleicht aber verlassen wir die Welt als spirituelle Bettler, seelisch verarmt und verkümmert, obwohl wir sie so reich an Möglichkeiten betreten haben.

     Nicht jeder sagt von Anfang an Ja zum Leben. Manche lernen erst mit der Zeit und durch wiederholtes Leiden, die wahren Werte zu erkennen und zu schätzen. Ihr Ja zum Leben kommt zögerlich, dann aber wahrscheinlich aus tiefstem Herzen.
Viele sagen scheinbar Ja und sind offen für alles, was da ist. Da ihnen aber die Unterscheidungskraft fehlt, werden sie im Laufe ihres Lebens nicht etwa erfüllter und seelisch reicher, sondern sie entleeren sich mit jedem Tag mehr und enden seelisch ausgemergelt und geistig völlig verloren in einem Nichts.

Die Flüchtigkeit des Daseins genügt dem Einen, um einfach drauf los zu leben. Gerne unter dem Motto "Du hast nur ein Leben", wird dieses dem Genuss unterstellt, dem blinden Taumel der fünf Sinne. Dabei spielt oftmals das Haben eine große Rolle, denn wer mehr hat, kann mehr erleben, mehr genießen, sich alles erlauben. Geld regiert die Welt. Nun denn...

     Die Flüchtigkeit des Daseins treibt den Anderen in die verzweifelte Suche nach dem Sinn, den diese scheinbar sinnlose Vergänglichkeit haben könnte. Nach dem Richtig und dem Falsch, nach Wahrheit und Lüge, was das Leben an sich bereits sehr schwierig macht, weil alles zunächst einmal falsch sein könnte. Also wird lieber abgewartet. Manchmal so lange, bis alles vorbei ist.

Während der Eine nichts versäumen will, versäumt der Andere mitunter alles, weil ihm, ebenso wie dem Erstgenannten, die Unterscheidungskraft fehlt. Das Ungehemmte wie das Gehemmte führen beide gleichermaßen am Leben vorbei.

     Gerne wird das innere Kind als Maßstab heran gezogen, denn es hat, ganz richtig, die Fäden in der Hand und weiß darum, wo es lang geht.
Nicht immer, oder gar nur selten, sind Menschen jedoch mit ihrem inneren Kind in Kontakt, geschweige denn mit ihm in einer inneren Kommunikation. Viele wissen gar nicht, dass sie auch ein inneres Kind haben bzw. sind oder zumindest sein könnten.
Auch die Rückerinnerung an die Kindheit, die manches Mal eine Orientierung bringen kann, wie es sich leben ließe, wäre man nur wieder ein Kind, bedeutet nicht für Jeden ein Ankommen in der inneren Heimat. Zu oft war bereits die Kindheit eine Zeit der inneren Verlorenheit und Heimatlosigkeit.
Es steht zu befürchten, dass Kinder der heutigen Zeit als seelisch Vertriebene später keinerlei Anknüpfungspunkte mehr in sich finden werden, da sie als Sprösslinge von Kalkül und Leistungsdenken so früh in Funktionen eingebunden werden, dass ihnen praktisch niemals Zeit bleibt, um sich mit dem Eigentlichen zu verbinden. Als Fortsetzungen ihrer bereits entleerten Eltern verkörpern sie Gefangenschaft, Einsamkeit und innere Öde.
Kinder spielen nicht mehr. Sie werden gefördert und gefordert. Sie leisten etwas.

"Man spricht oft vom Spiel als sei es eine Erleichterung vom ernsthaften Lernen.
Für Kinder ist das Spiel jedoch das ernsthafte Lernen.
Das Spielen ist in Wirklichkeit die Arbeit der Kindheit."

Fred Rogers

     Nun, selbst wenn wir keine Kindheit hatten, an die wir uns mit Freude zurück erinnern können, keine Anbindungen an Vater Himmel und Mutter Erde in dieser frühen Zeit unseres Lebens erfahren haben oder erfahren durften, so ist es dennoch nie zu spät, in die Haltung des Kindes zu gehen und mitunter auch nachzuholen, was in dieser Phase unseres Lebens das Angemessene oder das eher Angemessene gewesen wäre.

Nicht umsonst hat Carl Gustav Jung das selbstversunkene Spiel als Therapieform für sich selbst entwickelt. Nicht von ungefähr hat sich das Spielen mit Sand in der Fortführung in der sogenannten Sandspieltherapie durch die Schweizer Psychotherapeutin Dora Kalff als auffallend heilsame Methode etabliert. Aufbauend auf der Analytischen Psychologie von C.G. Jung und einerseits verknüpft mit der "Welttechnik" der Londoner Ärztin Margaret Lowenfeld, andererseits mit der buddhistischen Philosophie und der philosophischen Tradition des Schaffens von meditativen, vergänglichen Sandbildern (Mandalas), erlaubt das Kreieren von Welten mit Sand, Steinen, Stoffen, Papier oder gar Figuren das Durchdringen und Heilen tiefster Seelenthemen.
Und erlaubt uns dies letztlich das Ankommen in den seelischen Bildwelten und Zugängen des Kindes in uns, das Vertiefen des Augenblicks.

     Viele der körperlichen und psychischen Probleme, die das Leiden des modernen Menschen ausmachen, sind Resultate unserer Zivilisationskrankheit der Rastlosigkeit. Wir sind so sehr geprägt von Wollen und Sollen, von Müssen und Wünschen, dass wir darüber das Ankommen im Augenblick vergessen. Anstatt in die Breite, sollten wir in die Tiefe leben, anstatt zu expandieren, sollten wir uns konzentrieren.
Dezentrierung ist ein wesentliches Motto dieser Gesellschaft, die sich dem Zeitvertreib widmet und durch Ablenkung Unterhaltung schafft. Um sich diese "Sinnlosigkeit" leisten und sich derart "freuen" zu können, müssen Menschen viel und fleißig arbeiten und einen Großteil ihrer Lebenszeit vom verhassten Montag bis zum sehnlichst herbei gewünschten Freitag Dinge tun, die sie eigentlich nicht gerne tun.
Beruf und Berufung sind allzu oft keine Identität schaffenden und miteinander verknüpfbaren Begriffe. Arbeit ist nicht Erfüllung, sondern ein Job, um sich das Leben und vor allem die Ablenkung davon leisten zu können.
Um nicht einfach nur stur zu malochen, setzen wir das Berufsziel höher, denn eine gute Ausbildung kann uns ein Vermögen sichern und den Luxus von Zeit, die wir auf unsere Hobbys und eigentlichen Interessen verwenden können. Darum besuchen mittlerweile drei oder gar vier Mal so viele Kinder das Gymnasium als noch vor 20 Jahren, da ihre wohlmeinenden Eltern begriffen haben, dass nur so "etwas aus ihnen werden kann".
So verlieren wir unsere Mitte gerne auch dann, wenn wir uns hochkonzentriert einem zukünftigen Ziel widmen und unseren Lebensfokus immerzu auf das Später richten.

Wie der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh es so schön sagt:

"Wir sind sehr gut darin, uns auf das Leben vorzubereiten,
aber nicht besonders gut darin, es zu leben.
Wir wissen, wie man zehn Jahre für den Erwerb eines Diploms opfert,
und wir sind bereit, sehr hart zu arbeiten, um einen Job zu bekommen, ein Auto, ein Haus usw.
Aber wir haben Schwierigkeiten uns daran zu erinnern, dass wir in diesem Augenblick lebendig sind;
dem einzigen Moment, den es für uns gibt, um lebendig zu sein."


     Da Kinder bereits im Kindergarten dazu angehalten werden, Leistung zu zeigen und man sie bereits "fördert", wenn sie noch in den Windeln stecken, kann in der Realität das Ankommen im Augenblick kaum zustande kommen. Das innere Kind darf nicht mit uns geboren werden und bleibt ein Leben lang im Geburtskanal stecken, während das äußere Kind sich erfolgreich auf das Leben vorbereitet.
Das innere Kind kennt die absolute Gegenwart als Ewigkeit und ist mit dem Hier und Jetzt aufs Tiefste vertraut. Es fürchtet sich nicht, sich darauf einzulassen und mit einem großen Ja jederzeit die ganze Welt zu umarmen. Wir "Großen", wir Erwachsenen fürchten uns jedoch genau davor am allermeisten.
Unsere Scheu, den Augenblick als gegeben anzunehmen, lassen wir in unserem Kulturkreis höchstens dann los, wenn es darum geht, uns zu betrinken oder unseren Sinnen, meist sexueller Lust, unmittelbar nachzugeben und in gewisser Weise besinnungslos zu handeln. Was anderes als das Vergessen und das uns selbst Vergessen haben wir als Ausdruck von Lebensfreude nicht kennen gelernt.
Diese Art von Freude am Augenblick ist denn auch selten geprägt von Achtsamkeit und Ehrfurcht vor der Schöpfung, die unvergleichliche Glücksgefühle in uns auslösen kann, sondern hauptsächlich von Genussgier, die uns meist äußerst unachtsam macht und anderen gegenüber rücksichtslos sein lässt.
Nichtsdestotrotz müssen wir mitunter auch der Stimme unserer Leidenschaft und deren verschlungenen Pfaden folgen, um am Ende dort heraus zu kommen, wo wir alle ankommen müssen: bei der Wahrheit, die uns aus Erfahrung erwächst und aus dem Leiden an uns selbst.
Auch wenn das Glück der erfüllten Leidenschaften ein vergängliches ist, weil die Traumschlösser, die wir im Irdischen bauen, auf Sand errichtet werden, so ist dies doch ein Versuch, dem Eigentlichen näher zu kommen. In gewisser Weise ein Spiegelbild des echten Glücks, das eine menschliche Seele erfüllen kann.

"Du gehst durch das Labyrinth des Lebens. Ja, du bist dafür bestimmt, vorwärts zu gehen, aber fast nie auf einem geraden Weg. Ja, es gibt dabei die Komponenten von Erfolg und Leistung, von Anfang und Ende, aber diese sind unbedeutend im Vergleich zu der Komponente jetzt hier zu sein. In den Momenten, in denen du aufhörst, das Labyrinth des Lebens besiegen zu wollen und es stattdessen einfach bewohnst, wirst du erkennen, dass es dazu geschaffen ist, dich schützend zu umfangen, während du das erforschst, was sich gefährlich anfühlt. Du wirst sehen, dass du genau da bist, wo du sein sollst, wenn du den Windungen des krummen Pfades folgst, der dazu bestimmt ist, dich nicht vorwärts, sondern nach innen zu führen."
Martha Beck


Teil II

     Wir sprechen gerne von ihnen, vom ersten und vom letzten Atemzug. Aber wir vergessen das Atmen selbst normalerweise ganz und gar. Es geschieht ja automatisch. Um aber im Hier und Jetzt anzukommen, brauchen wir die Bewusstheit über diese phänomenale Lebensenergie, die uns in jedem Augenblick unseres Lebens vom Beginn bis zum Ende unablässig durchströmt.

Unser Atem ist Sinnbild und Realität zugleich.
Im ihm wirkt das, was die Christen den Odem nennen, die uns von Gott eingehauchte Lebensenergie.
In der hinduistischen Philosophie und in der Sprache des Sanskrits wird dieser Lebenshauch als Atman bezeichnet; die uns als Atem stetig durchfließende Energie heißt Prana.
Eine zentrale Rolle im Yoga hat darum das Pranayama, jene gezielten Atemübungen, welche uns helfen, in die eigene Mitte zu finden und diese zu stärken.
Dieselbe Lebensenergie wird als Chi im Chinesischen oder als Qi im Japanischen beschrieben. Sie formt und durchfließt uns gleichermaßen und wird von unserem Atem getragen.
Körpermeditationen wie das Tai Chi oder das Qi Gong zielen darauf ab, den Menschen mit dem Chi / Qi bewusst zu verbinden, um dieses zu stärken und wachsen zu lassen.
Im Islam wird diese essentielle Lebenskraft Barraka genannt.

     Die wenigsten Menschen sind sich ihres Atems bewusst.
Wir atmen unbewusst und automatisch, selbsttätig und ohne äußere Hilfe. Nur bei Infekten und Atemwegserkrankungen wird uns deutlich, wie überaus angewiesen wir in unserem Leben auf unsere Atemkraft sind, um uns und all unseren Funktionen gerecht werden zu können. Dann spüren wir auch, wie wichtig die reine Luft und der Sauerstoff sind. Ein Ort, an dem es an reiner Luft mangelt, kann deshalb kein guter Lebensort sein. Umgekehrt zeichnet sich ein geeigneter Lebensort dadurch aus, dass man dort frei durchatmen kann und reichlich mit frischem Sauerstoff versorgt wird. Darauf sollte kein Mensch und kein Tier verzichten müssen, denn die Luft zum Atmen ist Teil unseres Lebensrechts, genauso wie das reine Wasser, welches den zweiten zentralen Faktor und Pfeiler unseres Lebens bildet.

Lauschen wir also auf unseren Atem und folgen wir ihm bei seinem gleichmäßigen Ein und Aus. Wir beobachten unseren Atemrhythmus, um zu sehen, ob wir gleich lange aus- wie einatmen, ob uns der Atem mitunter stockt, ob wir flach atmen oder tief atmen. Ein flacher Atem endet bereits am Zwerchfell und erfüllt oftmals kaum die Brust. Ein tiefer Atem füllt die Brust, dehnt die Lungen aus und fließt mühelos hinab bis in den Bauch und Unterbauch, den er aufwölbt.

     Im Yoga dient allein die Nase der Aufnahme von Prana. Der Mund nimmt den Atem nicht auf und stößt ihn höchstens bei der reinigenden Atmung aus. Ansonsten bleibt er beim Ein- wie beim Ausatmen geschlossen.
Auch medizinisch gesehen ist die Nasenatmung die physiologisch richtige Form, um Luft aufzunehmen und abzugeben. Nur bei großer Anstrengung oder emotionaler wie körperlicher Erregung wird die Mundatmung notwendig und sollte sie auch eingesetzt werden.
Seelische Belastungen, Trauer und Kummer wie auch besondere Freude benötigen die typischen Seufzer und das Ausstoßen der verbrauchten Luft sowie das kräftige Hereinholen einer großen Luftmenge über den Mund.

Im Übrigen ist allein die Nase mit ihren zarten, prüfenden Schleimhäuten und schützenden Härchen das perfekte Organ, um mit unserer Umwelt im Austausch zu stehen.
Denn Atmung ist Austausch, ist Kommunikation mit der Welt.

Die seelische Bedeutung des Atemvorgangs und seiner dafür notwendigen, natürlich angelegten Organe und Funktionen, kann so umfasst werden:
Mit dem Atem nehmen wir das Leben in uns auf. Der freie Atem symbolisiert das "Ja" zum Leben. Nicht frei atmen zu können zeigt, dass etwas auf uns lastet, und erst wenn diese Last verschwindet, können wir bekanntlich wieder aufatmen.
Atemprobleme sprechen immer von der Angst, im Leben den eigenen Raum einzunehmen, sich vom Leben zu nehmen, was einem zusteht. Und sie sprechen von der Sorge um die eigene Sicherheit und den Zweifeln daran, dass das Leben es gut mit uns meint.
Aber nicht nur das. Das Ein- und Ausatmen folgt einem Rhythmus des Gebens und Nehmens, der im gesunden Fall ausgewogen ist. Die Ein- und Ausatembewegung zeigt ein regelmäßiges Auf und Ab, ein Sich-geben und darauffolgend das Sich-zurück-Ziehen. Atemprobleme können darum auch aus der Unausgewogenheit entstehen des Bei-sich-Seins und des Aus-sich-Herausgehens.

     Atem bedeutet Austausch.
Dies lässt sich am Beispiel der Atemnot besonders gut verdeutlichen, denn es gibt zwei prinzipiell unterschiedliche Erlebensformen, was das Ein- und Ausatmen betrifft.
In einem Fall entsteht die Brustenge und Atemnot nämlich beim Einatmen, im anderen Fall jedoch beim Ausatmen.
Der erste Fall symbolisiert im Wesen das Problem, sich dem Leben zu öffnen und es ganz herein zu lassen, sich einzulassen und Vertrauen zu haben. Das Leben, die Welt da "draußen" wird als Bedrohung empfunden. Wer nicht einatmet, folgt dem Prinzip der Vorsicht.
Der zweite Fall symbolisiert im Wesen die Angst loszulassen, zu viel von sich herzugeben, sich an das Leben zu verlieren und ohne Absicherung dazustehen. Das Leben bedeutet hier einen Sicherheitsverlust, aber wer nicht ausatmet, folgt dem Prinzip des Geizes. Beide verschließen sich jedoch auf ihre Weise vor dem Leben. Und beiden fehlt darum die Luft zum freien, bewegten Lebendigsein. Denn ohne genügend Luft ist Bewegung nur eingeschränkt möglich. So folgt der inneren Enge zwangsläufig die äußere Enge und Einschränkung, was letztlich die Angst noch größer macht sowie den Geiz und die Sorge um sich selbst gerechtfertigt scheinen lässt.

"Sobald du beginnst, dich der Welt zu geben, schenkt sie sich dir."
Adyashanti


Die achtsame Atmung

     Das Praktizieren der achtsamen Atmung bedeutet im Augenblick anzukommen.
Nichts ist wichtiger als das Jetzt und unser Hier-Sein in jedem Moment unseres Lebens.
Das, was war, ist bekanntermaßen vorüber, auch wenn es uns prägt und die Gegenwart zur Folge hatte. Das, was sein wird, ist immer in gewisser Weise nur eine Spekulation, denn nicht selten kommt es anders, als man denkt.
Die achtsame Atmung versetzt uns in die Lage, auf unsere stets vorhandenen, von der Vergangenheit geformten, sowie auf akut auftretende Gefühlslagen, welche die Gegenwart oder auch die möglichen wie gewissen Zukunftsbilder mit sich bringen, harmonisierend einzuwirken.
Üben Sie die achtsame Atmung 15 Minuten am Tag. Nach drei Wochen des regelmäßigen Übens haben Sie gelernt, diese Form des Atmens jederzeit spontan aufgreifen zu können, wenn Sie aus Ihrer Mitte zu fallen drohen, wenn starke Emotionen Sie einholen und Sie in Besitz nehmen wollen.

"Der Atem ist die Brücke, die das Leben mit dem Bewusstsein verbindet,
die unseren Körper mit unseren Gedanken vereint.
Wann immer dein Geist zerstreut wird, nutze deinen Atem als Mittel,
um deinen Geist wieder festzuhalten."

Thich Nhat Hanh

     Nehmen Sie eine stabile und bequeme sitzende oder auch liegende Position ein.
Lauschen Sie zunächst Ihrem Atem, indem Sie sich beobachten und feststellen, wie Sie in diesem Moment tatsächlich atmen. Ob Ihr Atem gleichmäßig ist, flach oder tief.
Das Gleichmaß des Atems können Sie erfassen bzw. herstellen, indem Sie im Geiste mitzählen und gleich viele Zählschläge auf die Einatmung wie auf die Ausatmung verwenden.
Wenn Sie zu Beginn zählen, wie lange Sie spontan einatmen und wie lange Sie spontan ausatmen und dabei feststellen, dass Sie entweder zu lange ein- oder zu lange ausatmen, dann wissen Sie, dass Sie sich derzeit in einem Zustand befinden, der Ihrer Gesundheit und Ihrer seelischen Harmonie nicht zuträglich ist.

Das zu lange Einatmen verrät, dass Sie festhalten möchten und sich gegen den Fluss des Lebens verwahren. Dass Sie sich schützen, um nicht zu viel von sich herzugeben, sich nicht zu verlieren, und dass Sie sich genug vom Außen holen wollen, um mit Gewissheit genug zu bekommen, gut versorgt zu sein.
Im Zustand des betonten Einatmens besteht im Menschen eine unbewusste Angst davor, nicht genug zu bekommen, sich auszuliefern, nicht adäquat versorgt zu werden. Es spiegelt sich darin eine momentane oder auch ständige persönliche Bedürftigkeit sowie große Zweifel dem Leben gegenüber.

     Atmen Sie hingegen zu lange aus, geben Sie zu viel von sich her und entleeren Sie sich permanent oder auch nur vorübergehend zu sehr. Auch dem zu langen Ausatmen kann eine Angst zugrunde liegen. Nämlich die, immer noch mehr oder alles tun zu müssen, sich anstrengen zu müssen, um den eigenen Platz zu sichern, das eigene Lebensrecht zu erwerben bzw. die bestehende Lebenssituation zu halten oder zu verbessern. Häufig spiegelt das verlängerte Ausatmen eine momentane oder ständige Aufgabenstellung mit großer Verantwortung - oder zumindest eine als große Verantwortung empfundene Lage - und meist eine fürsorgliche oder auch kämpferische Grundnatur. Das Leben wird als Anforderung und als Überlebenskampf verstanden.

Viele Menschen halten den Atem auch häufig an. Ihnen stockt der Atem, sie verharren und atmen dann entweder relativ plötzlich stoßweise aus oder ruckartig ein. Dies geschieht mitunter in Phasen hoher Konzentration, symbolisiert manchmal aber auch eine permanente Lebenshaltung, die entweder mit einem inneren Auf-der-Lauer-Liegen oder mit einem ebenfalls wachsamen Zustand von "Vorsicht, Gefahr!" verglichen werden kann.
Im Leben dieser Menschen spielen Angriff und Verteidigung eine große Rolle. Ihnen fehlt es an Geborgenheit und innerer Sicherheit. Die Welt an sich wird als feindlich empfunden. Der eigene Platz darin muss erkämpft werden und kann ihnen jederzeit streitig gemacht werden.

     Stellen Sie nach dieser ersten Beobachtung Ihres Atems bewusst ein Gleichmaß zwischen Geben und Nehmen, zwischen Ein und Aus her, so es nicht vorhanden ist.
Zählen Sie im Geiste langsam und ganz regelmäßig mit und suchen Sie denjenigen Atemrhythmus auf, der Ihnen persönlich in diesem Moment am besten entspricht. Es können wenige oder auch viele Zählschläge sein, bei denen Sie sich wirklich wohl fühlen. Es geht nicht darum, möglichst lange Zeit mit dem Ein- oder Ausatmen zu verbringen, um Ruhe in das seelische und physische System zu bringen. Die Regelmäßigkeit schafft den Frieden.

Öffnen Sie dann Ihren Bauch für den einfließenden Atem, so dies möglich ist.
Fokussieren Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Bauch. Atmen Sie durch die Nase ein, füllen Sie Ihren Brustraum mit Luft und lassen Sie diese, während Sie weiter einatmen, in Ihren Bauchraum strömen. Dabei wölbt Ihr Bauch sich auf, was sich ein wenig so anfühlt, als würden Sie einen Luftballon aufblasen.
Wenn Sie anschließend ausatmen, sinkt Ihr Bauch ein, während die Luft nun den umgekehrten Weg nimmt und Ihren Körper verlässt.
Auf diese Weise versorgen Sie sich nicht nur optimal mit Sauerstoff und entsorgen die verbrauchte Luft vollständig, was all Ihre Organe dankend annehmen werden, sondern Sie stellen gleichzeitig auch Frieden und Gelassenheit in sich her.

     In Zeiten heftiger Emotionen werden Sie deutlich spüren, dass der Weg für die Luft nicht so frei und offen ist wie in Zeiten der inneren Ausgeglichenheit.
Vor allem das Gefühl von Angst blockiert den Bauchbereich so sehr, dass die tiefe Atmung kaum möglich ist. Umso wichtiger ist sie jedoch gerade dann, wenn scheinbar alles dagegen spricht.
Die Bauchatmung vermittelt Ruhe, und aus der Ruhe entsteht die Gewissheit:
"Alles ist gut".

Unser Atem ist der Anfang und alle Zeit unseres Lebens. Durch ihn verbinden wir uns mit dem Irdischen und bleiben wir doch in Verbindung mit unserem geistigen Ursprung. Er ist unsere Brücke zwischen Mutter Erde und Vater Himmel. Der Regenbogen, über den wir zwischen Diesseits und Jenseits hin und her gehen. Hin und her, ein und aus. AUM (OM).
Das gleichmäßige Atmen wirkt auf uns wie das Wiegen auf das kleine Kind in den Armen seiner Mutter. Unser Atem wiegt gewissermaßen unser inneres Kind und schenkt uns so Geborgenheit, Frieden und Freude.

So im Augenblick ankommend und seiend, leben wir im magischen Raum des Universums.
Hier ordnen sich unsere Lebensströme harmonisch fließend neu, die Verwirrung verschwindet, Schwierigkeiten enden, Probleme finden Lösungen, alles fällt an seinen Platz.
Indem dies geschieht, erfährt unser Umfeld ebenfalls Harmonie. Wir schenken mit jedem bewussten Atemzug nicht nur uns selbst, sondern auch der Welt ein Stückchen Frieden.

"Jedes Mal, wenn wir einatmen und so zu uns selbst nach Hause gehen und dabei
Harmonie und Frieden mitbringen, geschieht ein Akt des Friedens."

Thich Nhat Hanh




 
 
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